Eine Ausstellung und ein Ausflug in den Jura
Samstag. Wir planen einen Ausflug. Morgen ist die Ausstellung von Florence Jaquet – in St. Imier. Ich kenne Florence seit ein paar Jahren. Kennengelernt haben wir uns über eine gemeinsame Freundin – ebenfalls im Zusammenhang mit einer künstlerischen Veranstaltung.
Seither verfolge ich ihre Arbeit und bin immer wieder fasziniert. Sie arbeitet mit Faden, Schnur und Wolle, häkelt, strickt und stickt. Mich begeistern die Präzision und die Hingabe, mit denen sie ihre Objekte, Schmuckstücke und Bilder gestaltet.
Oft erzählen ihre Arbeiten Geschichten aus dem ganz normalen Leben. Manchmal steckt darin Ironie, manchmal etwas Absurdes. Ihre Arbeiten bringen mich regelmässig zum Schmunzeln. Ich mag diese Mischung aus handwerklicher Sorgfalt, Eigensinn und Humor.
St. Imier liegt gut eine Stunde mit dem Auto von Bern entfernt. Das Benzin ist aktuell teuer und die Fahrt mit den Öffentlichen eher umständlich. Also überlegen wir, was wir in der Gegend noch unternehmen oder ansehen könnten. Mit dem Bähnchen auf den Mont-Soleil? Eine Fahrt auf den Chasseral? Etwas mit Aussicht? Ein Spaziergang am Etang de la Gruère?
Orte voller Erinnerungen
Mit all diesen Orten verbinde ich Erinnerungen aus meinem «früheren» Leben. Aus der Zeit vor meiner ADHS-Diagnose, vor meinem Burnout.
Auf eine Art fühlt sich die Vorstellung bedrohlich an, diese Orte nach so langer Zeit wieder zu besuchen. Es ist, als wäre das, was ich dort vor ein paar Jahren erlebt habe, unter einer Hülle von Verstellung, Verstecken oder etwas Falschem passiert.
Heute weiss ich mehr. Ich verstehe Dinge anders, erkenne Zusammenhänge, die ich damals nicht sehen konnte. Kenne mich besser. Und doch frage ich mich: Wie wird es sein, wenn ich jetzt an diese Orte zurückkehre? Wenn ich ihnen mit meinem heutigen Wissen begegne? Was wird sich vertraut anfühlen, und was werde ich plötzlich anders sehen? Werde ich mich an die Person erinnern, die ich damals war, oder werde ich vor allem erkennen, wie wenig ich zu dieser Zeit über mich selbst verstanden habe?
Ich kann mich zum Beispiel noch ziemlich genau an ein Date am Etang de la Gruère erinnern. Wir waren auf dem Rundweg unterwegs, als ich plötzlich wahnsinnige Regelschmerzen bekam. Meine damalige Begleitung wusste gar nicht, wie damit umgehen. Und ich ehrlich gesagt auch nicht. Und mir war das unglaublich peinlich. Die Situation nahm so viel Raum ein, dass die Vorstellung davon noch mehr Schmerz und Krämpfe auslöste. Horror.
Heute ist das anders. Ich habe meine Tage nicht mehr, weil ich mir eine Minipille hab verschreiben lassen. Die Schmerzen waren jeden Monat schlimm, und in den letzten zwei Jahren kam ein starkes PMDS hinzu. Wahrscheinlich spielten auch die beginnenden Wechseljahre eine Rolle, die Perimenopause. Was weiss ich.
Jedenfalls war die zweite Hälfte meines Zyklus’ der Horror: Zwei Wochen im Monat verbrachte ich mit Depressionen und Suizidgedanken. In den anderen zwei Wochen, in denen meine Energie langsam wieder zu mir zurückkam, versuchte ich, das Tief auszugleichen und mich davon zu erholen. Wenn’s mir dann wieder gut ging, ging das Spiel von vorne los.
Und das über mindestens eineinhalb Jahre. Das ist nicht witzig und echt beschissen. So etwas zehrt an den Kräften. Es verändert den Alltag und irgendwann auch das Vertrauen in den eigenen Körper und die eigene Energie. Bis ich überhaupt erst einmal begriffen hatte, was möglicherweise dahintersteckte und was ich dagegen tun konnte …
Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, sehe ich nicht nur einzelne schwierige Situationen. Ich sehe auch, wie viel Kraft es mich gekostet hat, überhaupt durch den Alltag zu kommen. Wie vieles ich nicht tun konnte, obwohl ich es vielleicht gern getan hätte.
mehr zum Thema PMDS und Zyklus:
- «PMDS: Wenn der Zyklus die Persönlichkeit verändert» (Podcast-Folge über PMDS)
- Beiträge rund um den Zyklus findest du unter #zykluszirkus.
Was lange nicht möglich war
Seit meinem Burnout ist das Planen von Dingen schwierig. Noch schwieriger als eh schon immer.
Eine Freundin, die ebenfalls eine Krise hatte und gerade dabei ist, wieder ins Leben zurückzufinden, sagte letztens zu mir: «Such im Netz nach Ausflugsideen für Rentner. Das ist das, was echt gut geht. Ist der Knaller.»
Wir beschlossen:
– Gemütlich nach dem Frühstück, gegen 11 Uhr, mit dem Auto losfahren.
– Erste Station: Parkplatz beim Chasseral, Ankunft etwa um 12 Uhr.
– Dort spazieren und picknicken.
– Danach hinunter nach St. Imier zur Ausstellung.
– Ausstellungsbesuch, geöffnet bis 17 Uhr.
– Anschliessend vielleicht irgendwo essen gehen, falls Energie und Lust noch reichen.
Gesagt getan. Am Sonntag schaffte ich meine Morgenroutine – Frühstück und Zeit für mich – ohne Zwischenfälle und ich war um kurz nach 11 parat zum Losfahren. – Wow!
Ich muss dazu sagen, dass all das in den letzten zwei Jahren tatsächlich und schlichtweg nicht möglich war:
– überlegen, was wir unternehmen könnten
– planen
– mich festlegen
– rechtzeitig ins Bett gehen
– gut schlafen
– gut aus dem Bett kommen und in den Tag starten
Das muss man sich mal vorstellen. Ich kann es manchmal selbst kaum glauben. Aber so war es.
Was für andere Menschen selbstverständlich erscheinen mag, war für mich lange ausser Reichweite. Ein Ausflug begann nicht erst mit der Autofahrt oder dem Spaziergang. Er begann mit all den kleinen Schritten davor. Mit Entscheidungen, die getroffen werden mussten, mit Energie, die ich nicht zuverlässig zur Verfügung hatte, und mit der Unsicherheit, ob ich es am nächsten Tag tatsächlich schaffen würde.
Dass ich an diesem Sonntag um elf Uhr bereit war, loszufahren, war deshalb alles andere als selbstverständlich.
Schritt für Schritt auf den Chasseral
Wir fahren los. Eine gute Stunde von Bern bis zum Chasseral.
Im Auto lasse ich Kölner Karnevalsmusik laufen. Ich singe lauthals mit und versuche, meine depressive Stimmung und die Schwere in mir «wegzusingen». Das Singen ist wie ein bewusstes Weggucken von dem, was gerade in mir vorgeht. Bei dem Lied Et jitt kei Wood kommen mir die Tränen. Ich bekomme Heimweh. Aber auch darauf gehe ich nicht weiter ein. Ich singe einfach weiter.
Auf dem Chasseral parken wir. Bis zum Fernsehturm sind es etwa 1,3 Kilometer, ungefähr zwanzig Minuten zu Fuss. Es gibt einen asphaltierten Hauptweg, doch zum Glück kann man auch abseits davon über Stock und Stein gehen.
Ich gehe Schritt für Schritt. Dabei bemerke ich, wie langsam ich bin. Und ich mag es. Ich schaue auf die kleinen Steinchen, über die ich laufe, auf die Blümchen, die noch blühen und die vertrockneten Pflanzen. Ich nehme wahr, was direkt vor und unter meinen Füssen liegt. Auf eine Art finde ich es langweilig, auf die andere ist es okay.
Der Turm wird grösser. Ich komme auf die Idee, zu fotografieren. Das Monstrum nähert sich. Es gibt eine Plattform, auf der man herumlaufen kann. Mehr Fotos entstehen. Das Licht ist toll. So cool, das hatte ich schon lange nicht mehr – Freude. Freude am Fotografieren. Ich komme richtig in Schwung.
Und hier die Ausbeute:
Dieser Tag hat mir geholfen, alte Erinnerungen und mich selbst neu einzuordnen. Es sind neue Erinnerungen entstanden, die neben den alten ihren Platz finden (siehe auch Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrungen und Lernen zu verändern. Dabei können sich neuronale Verbindungen und deren Aktivität verändern. Diese Anpassungsfähigkeit ist eine wichtige Grundlage dafür, dass wir Neues lernen und Erfahrungen verarbeiten können. → Neuronale Plastizität (Wikipedia)).
Und etwas, das schon immer zu mir gehört hat, ist wieder lebendiger geworden: meine Freude am Fotografieren, insbesondere von Architektur, mein Interesse an Farben und Formen und der Spass daran, damit zu spielen – zu kombinieren, zu konstruieren, zu komponieren.
Freude braucht manchmal Raum
In meinem Workshop «Freudetagebuch» nehmen wir uns Zeit, der eigenen Freude nachzuspüren und ein persönliches Tagebuch zu gestalten.
